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Wasser für Kinondo

Wie in jedem Jahr unterstützen die Frauenhilfe und der Kirchenvorstand von St. Martin auch in diesem Jahr mit den Einnahmen aus dem Weihnachtsmarkt ein Projekt, bei dem Menschen in Not geholfen wird. In diesem Jahr sollen die Einnahmen erstmals nach Kinondo gehen.
Aufgrund der guten vulkanischen Böden im weit entfernten kenianischen Hochland sind dort im Lauf der Zeit riesige Großfarmen entstanden, auf denen internationale Unternehmen mit großem Profit Schnittblumen, Kaffee, Tee und Gemüse für den Export nach Europa anbauen. Um diese Felder zu bewässern werden die Flüsse, die früher die Felder der Bauern bis hinunter zur Küste mit Wasser versorgte, nahezu leergepumpt, die einheimischen Bauern sitzen dadurch buchstäblich auf dem Trockenen, und niemanden dort stört das. So leben viele Menschen in Armut und leiden Hunger, damit wir hier, auch mitten im Winter, beispielsweise zum Valentinstag frische Blumen haben, im Januar grüne Bohnen essen oder günstigen Kaffee von hoher Qualität trinken können.
Vor einigen Jahren kam Brigitte Dobler, eine Urlauberin aus Österreich, zufällig nach Kinondo und beschloss, die Not dort sehend, den Menschen zu helfen. Aber wie? Geld für die internationalen Hilfsorganisationen zu sammeln ist nicht wirklich sinnvoll, da sie, der Größe ihrer Projekte wegen, gezwungen sind mit örtlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Afrikanische Beamte sind chronisch schlecht bezahlt und daher oft schamlos korrupt, viele Hilfsgelder verschwinden daher in finsteren Kanälen. Außerdem leiden viele, von Europa aus geplante, Projekte daran, dass sie zu wenig auf die tatsächliche Situation der Menschen Rücksicht nehmen.
Die Projekte sind oft zu groß, zu kompliziert und können von den Mensche,n für die sie gedacht sind, mit deren begrenzten Möglichkeiten nicht am Leben erhalten werden.
So begann Frau Dobler ganz direkt, privat, frei von allen offiziellen Stellen zu helfen Dort wo ganz direkt Bedarf besteht, dort wo man mit verhältnismäßig geringen Mitteln etwas anstoßen kann was die Leute von Kinondo dann in Eigenregie weiteführen können.
So entstand beispielsweise eine Schneiderei. Dafür mussten nur einige mechanische Nähmaschinen (die sind weniger kompliziert in der Wartung), ein geeigneter Raum und eine Startausstattung an Nähmaterialien angeschafft werden. Außerdem wurde ein Schneider aus Mombasa verpflichtet, der Frauen aus dem Ort das Nähen beibrachte.
Von weither kommen seither die Menschen, und lassen aus oft selbst mitgebrachten Stoffen Kleider, Moskitonetze oder Schuluniformen nähen. Das kommt sie billiger als bis ins weit entfernte Mombasa zu reisen und die Frauen aus Kinondo verdienen etwas Geld.
Auch eine kleine Geflügelfarm, eine Tischlerei und eine Fischerei, deren Produkte auf dem Markt in Ukunda verkauft werden sind inzwischen entstanden.
Dadurch, dass die Anschubhilfe für diese Projekte ganz privat, also unter Umgehung aller offiziellen Kanäle erfolgte, vieles an Material beispielsweise im Urlaubsfluggepäck von Frau Dobler und einigen Freunden den Weg nach Kenia findet, konnte bisher jeder einzelne Cent, den Freunde von Frau Dobler, aber auch Firmen und die Stadtverwaltung ihrer Heimatstadt Feldkirch beigesteuert haben, direkt eingesetzt werden. Bei allen Erfolgen bleibt aber das fehlende Wasser das größte Problem. Auch wenn die Menschen in Kinondo äußerst sparsam damit umgehen, so werden beispielsweise die Maispflanzen auf den Feldern einzeln mit Suppenkellen gegossen, es ist einfach zu knapp.
Zugang zu sauberem Wasser, das ist eines der Milleniumsziele der Vereinten Nationen, im Süden Kenias merken die Menschen davon nichts.
Frau Dobler hat auch hier mit der Hilfe zur Selbsthilfe begonnen.
Hierfür wird an einer günstig zu mehreren Höfen gelegenen Stelle ein Brunnenschacht gegraben, die Ränder werden, soweit sie sandig sind, mit gemörtelten Mauern gesichert. Dann wird ein Brunnenrand von ca. 30 Zentimetern aufgemauert, damit in der Regenzeit kein schmutziges Wasser von außen in den Schacht fließt. Auf den Brunnenschacht wird ein Betondeckel gegossen mit einer runden Öffnung durch die ein starkes Kunstoffrohr in den Schacht heruntergelassen wird. Am Ende wird dann eine große und sehr stabile Handpumpe angebracht, mit der es unter geringem Kraftaufwand möglich ist, das Grundwasser herauf zu pumpen.
Da diese Brunnen ohne Generatoren, Motoren und Treibstoff auskommen sind sie nahezu unverwüstlich und verursachen keine Folgekosten, vor allem liefern sie absolut sauberes Wasser, das nicht abgekocht werden muss. Ich habe es selbst getrunken und obwohl Europäer in Afrika noch viel empfindlicher auf Wasser reagieren als Afrikaner, habe ich keinerlei Probleme bekommen.
Der Brunnen, dessen Entstehen ich im März dieses Jahres begleiten durfte, versorgt nun ungefähr 120 Menschen und ihre Felder mit sauberem Trinkwasser und für die Mädchen dieses Teils von Kinondo erfüllte sich inzwischen auch ihr Traum, die Schule besuchen zu können. Die Menschen sind deutlich weniger krank und da das Wasser nicht mehr aus so großer Entfernung herbeigeschafft werden muss, konnten die Bauern ihre Felder ein wenig vergrößern, sodass sie einen gewissen Überschuss erwirtschaften können, der nun auf dem Markt verkauft wird, wobei interessanterweise die erste Anschaffung von diesem Geld oft Schuluniformen sind, die in Kenia für alle Kinder Pflicht sind.
Erstaunlich ist, mit welch geringem finanziellen Einsatz ein solcher Brunnen zu realisieren ist. Je nach Tiefe des Schachts kostet so ein Brunnen etwa 1500 Euro, wobei die Pumpe den größten Teil der Kosten verursacht.
Im oben beschriebenen Fall sorgen 1500 Euro dafür, dass 120 Menschen gesund bleiben, nicht hungern müssen, ein wenig Geld verdienen und ihre Kinder in die Schule schicken können.
Die St. Martinsgemeinde will nun auch in Kinondo helfen, und einen Brunnen finanzieren, vielleicht sogar zwei, denn viele Menschen sind noch immer von der Versorgung mit sauberem Wasser abgeschnitten.
Ich habe in den vergangenen Wochen mehrmals die Frage gehört, ob denn ein solches Projekt im Moment sinnvoll sei, wo doch durch die vielen Menschen die in unser Land geflüchtet sind auch hier Hilfe gebraucht wird. Ich denke, gerade jetzt ist diese Hilfe notwendig.
Gegen den Krieg in Syrien können wir hier in Kelsterbach nichts bewirken, aber wir sollten nicht vergessen, dass der Nahe Osten nicht die einzige Richtung ist, aus der die Menschen nach Europa fliehen. Täglich kommen nach wie vor Hunderte übers Meer aus Afrika, sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Ein zynischer Ausdruck, wenn man bedenkt, dass in vielen Ländern Afrikas ebenfalls Krieg herrscht, zynisch vor allem aber auch deshalb, weil die Menschen flüchten um nicht zu Hause verhungern und verdursten zu müssen. Da geht es nicht um ein bequemes Leben, da geht es nicht um eine soziale Hängematte, da geht es sehr oft um nackte Überleben.
Bedenken wir bitte Eines: Die Menschen wissen ganz genau, wie gefährlich die Überfahrt übers Meer ist, und wie ausweglos muss das Leben eines Menschen wohl sein, wenn er dennoch seine Kinder in so ein Boot setzt?
Was in Kinondo geleistet wird verändert gewiss nicht die Welt, aber es sorgt dafür, dass die Menschen dort wo sie daheim sind auch überleben können, dass sie zu Hause bleiben, weil sie dort eine Zukunft haben. Sicher gibt es unzählige Kinondos in Afrika wo geholfen werden muss, aber jammern allein hilft gar nichts und irgendwo muss man schließlich einmal anfangen. Ich weiß von einer ganzen Reihe von privaten Initiativen in Ostafrika, bei denen Menschen vor Ort geholfen wird, je kleiner und privater desto erfolgreicher. Unser Projekt heißt nun Kinondo. Wieso ausgerechnet Kinondo? Einfach deshalb, weil eine Österreichische Touristin dort vor einigen Jahren eine Reifenpanne hatte und sah, wie groß die Not war, und weil ich im Urlaub mein Hotelzimmer neben dieser Frau hatte und so von ihrer Arbeit erfuhr. Zufall? Ich weiß es nicht, aber vielleicht hat Gott, dem wir gar nicht genug dafür danken können wie gut es uns hier geht auch gewollt, dass wir in Kelsterbach auf genau diese Menschen aufmerksam werden.
Daher zu Schluss noch eine Bitte: besuchen Sie unseren schönen Weihnachtsmarkt noch zahlreicher als in den vergangenen Jahren, und geben Sie dort ruhig ein bisschen mehr Geld aus als sonst, außerdem nehmen die Damen der Frauenhilfe im Cafe St. Martinsklause auch gerne Ihre Spende entgegen. Sie werden damit sicher nicht die Welt retten, aber wie man auf Swahili sagt:
Haba na haba, hujaza kibaba (Tropfen für Tropfen füllt sich das Maß)

Mit diesem Gedanken wünsche ich Ihnen einen gesegneten Advent,
Ihr Tilman Lichtenthaeler


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