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Der Taufstein von St. Martin

Neben dem Taufstein: Der Osterleuchter

Weiter unten auch in groß!
Der neben dem Taufstein stehende Osterleuchter ist eines der jüngsten Ausstattungsstücke unserer Kirche, er wurde erst 1979 angeschafft und seine Kerze erinnert bei jedem Gottesdienst an die Gegenwart des an Ostern auferstandenen Christus.
Taufstein und Osterleuchter bilden ein schönes Ensemble an ihrem Platz links vom Altar, und doch gibt es da etwas, was ein wenig irritiert.
Wie schon an anderer Stelle beschrieben, spielt Symmetrie in unserer Kirche eine bedeutende Rolle. Die Baumeister des Klassizismus liebten sie, sie steht für Ruhe, Ebenmaß und Ordnung, für all das also, was man nach den Umwälzungen des Napoleonischen Wirbelwindes so dringend herbeisehnte. So erstaunt es nicht, dass die Orte, an denen die Kernstücke des Gottesdienstes stattfinden, auf einer Achse mittig vorn in der Kirche zu finden sind. Gleichzeitig soll diese Zentrierung auch auf die Gleichrangigkeit der unterschiedlichen Aspekte hinweisen, aus denen sich der evangelische Gottesdienst zusammensetzt.

Symmetrie - der Taufstein an der Seite

Wo aber bleibt bei alledem die Taufe, der Moment, in dem der Mensch in die Gemeinschaft all derer hineingenommen wird, die den Gottesdienst feiern? Wieso steht bei der offensichtlich so sorgfältig und bewusst vorgenommen Platzierung der übrigen Orte des Gottesdienstablaufs ausgerechnet der Taufstein im wahrsten Sinne des Wortes abseits? War das eine bewusste Entscheidung, und wenn, dann wieso?

Früher war alles ganz anders

Die Antwort ist überraschend einfach: ursprünglich befand sich der Taufstein von St. Martin an einer vollkommen anderen Stelle, und diese war genauso bedacht ausgewählt wie alles andere in unserer, an sprechender Architektur so reichen Kirche.
Als unsere Kirche vor nahezu 200 Jahren eingeweiht wurde, sah ihr Taufstein ganz anders aus. Zunächst einmal war er nicht aus Stein, sondern hatte einen Sockel aus weiß gestrichenem und teilweise vergoldetem Holz, die damalige Taufschale war aus Zinn. Dieser Taufstein hatte seinen Platz mitten im Vorraum der Kirche, dort wo wir heute die Gesangbücher austeilen. Ein seltsamer Platz, sicher auch ein wenig unpraktisch, aber auf jeden Fall mit Bedacht gewählt.
Um das zu verstehen, müssen wir uns noch einmal kurz mit der Architektur unserer Kirche befassen.

Der "selbständige" Kirchturm

Natürlich ist unser Kirchturm ein Teil des Kirchengebäudes, aber, wenn wir uns die Kirche von außen betrachten fällt auf, dass der Turm etwa einen halben Meter aus der Front der Kirchenfassade herausspringt. Er ist sozusagen zwar in die Kirche eingerückt, aber eben nicht vollständig, er ist ein selbstständiger Baukörper. Das bedeutet, dass der Raum, den wir als Vorraum der Kirche wahrnehmen eigentlich vor allem das Erdgeschoss des Kirchturms ist, und damit nicht vollständig ein Teil des Kirchenraumes.
Ist das wichtig? Für das Verständnis der Symbolsprache, die uns in unserer Kirche immer wieder umgibt, ganz sicher. Die Baumeister des Klassizismus kannten sich bestens mit der Symbolsprache kirchlicher Architektur vergangener Jahrhunderte aus und die Platzierung des Taufsteins ist aus dieser Kenntnis heraus geradezu zwingend. Bereits in früher Zeit war für die Kirche der Gottesdienst vor allem der Moment, in dem die Gemeinde die Gemeinschaft mit Jesus Christus feiert, sich des Bundes mit Gott versichert. Aus diesem Grund war die Teilnahme am Gottesdienst auch der Gemeinschaft der durch die Taufe in den Bund mit Gott Hineingenommenen vorbehalten.

Bitte draußen bleiben

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass kein Ungetaufter eine Kirche betreten soll. Aus diesem Grund finden wir in alten Kirchen den Taufstein bis heute noch sehr oft in einem etwas abgelegenen Raum, oft der Kirche vorgelagert manchmal mit einer eigenen Eingangstür und einer weiteren, die vom Taufraum in die Kirche führt. Große Dome hatten oft ein eigenes Taufhaus, ein Baptisterium, geweiht immer Johannes dem Täufer. Hier nenne ich als Beispiele zunächst die berühmten Baptisterien der Dome von Florenz oder Pisa, aber auch ganz in unserer Nähe ist dieses mittelalterliche Bauprogramm noch heute zu erkennen.
Zum Kathedralbezirk des Mainzer Domes gehörte früher auch die uralte, heute evangelische St. Johanneskirche (man achte auf den Namenspatron). Sie steht ein wenig westlich des Domes und ist die alte Taufkirche der Kathedrale.

Willkommen in der Gemeinde

Zurück nach St. Martin. Für unsere kleine Kirche war natürlich ein eigenes Baptisterium undenkbar, aber der nicht so wirklich zum Kirchenbau gehörende Erdgeschossraum des Turmes erfüllte genau die Funktion, wie es bei anderen alten Kirchen die Taufkapellen oder die Baptisterien tun. In unserem Fall kommt natürlich noch dazu, dass durch diese Platzierung des Taufsteins die Forderung nach vollkommener Symmetrie erfüllt werden konnte. Natürlich entstand durch diese Platzierung des Taufsteins auch ein Sinnbild, wenn die Taufgesellschaft erst nach dem Vollzug der Taufe in die Kirche einzog, wo sie von der wartenden Gemeinde empfangen wurde, der Täufling also gleichsam in der Gemeinde willkommen geheißen wurde.
Wie so Vieles geriet aber auch das Verständnis für diesen Aspekt sprechender Architektur schließlich wohl in Vergessenheit, jedenfalls empfand man den Taufstein in der Turmhalle wohl als lästig, als im Wege stehend, und so wurde er bei der Kirchenrenovierung 1864 ins Innere der Kirche gebracht, wo er dann an neuem Ort weiter genutzt wurde, bis 1958 unser heutiger Taufstein an seine Stelle trat.

Nun haben wir einmal mehr einen Aspekt unserer Kirche aus dem Dunkel der Geschichte befreit. Vielen von uns erscheint sie ja ein wenig nüchtern, zu wenig verspielt oder detailreich für ein so altes Gotteshaus, aber da, wo viele andere Kirchen Bilder, Fresken oder Figuren benötigen um Geschichten zu erzählen, spricht bei uns allein die Architektur, eine Architektur, bei der nichts einfach zufällig ist, bei der alles seinen Platz hat, seine genau begründete Form, seine wohl bedachte Farbe. Einiges ist durch die glücklicherweise geringen Veränderungen am Bauwerk während der letzten 200 Jahre verlorengegangen, aber dennoch bleibt unsere Kirche, obwohl wir in ihr kein einziges Bild finden werden, ein Juwel bildhaften Bauens, wir müssen vielleicht nur etwas bewusster hinsehen.

Tilman Lichtenthaeler

Bilder



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