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Kirchencafé in St. Martin

Informationen zum Kirchenasyl

Gemütlich zusammen sitzen und sich über Vergangenheit und Zukunft informieren lassen, so lässt sich das Kirchencafé normalerweise kurz zusammenfassen.

Und es war gemütlich: Dank der Vorbereitung durch unsere Ehrenamtlichen standen Kaffee und Kuchen bereit, als die Gemeinde aus der Kirche ins Haus Festeburg umzog.

Doch dieses Jahr gab es keinen Rückblick und Ausblick, sondern stattdessen einen regen Austausch über das wichtige Thema Kirchenasyl. Jeder kennt den Begriff, doch kaum einer von uns hat praktische Erfahrungen damit.
Unterstützt durch drei Gäste, die genau wie er praktische Erfahrungen haben, konnte Pfarrer Dennebaum viele Informationen teilen:

1. Heike Scherneck, Mitglied des Kirchenvorstands der Ev. Stephanusgemeinde in Giessen und Mitglied im Bundesvorstand der ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft "Asyl in der Kirche ".

2. Agneta Becker, Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Kelsterbach

3. Pfarrer Wolfgang Prawitz, Ökumenebeauftragter des Ev. Dekanats Rüsselsheim-GG

Kirchenasyl - was ist das eigentlich?

Kirchenasyl bedeutet Menschen Zuflucht zu gewähren, die von Abschiebung bedroht sind, sei es in ihre Heimat oder in ein anderes Land.

Die Idee des Kirchenasyls liegt weit zurück: Früher galt in sakralen Gebäuden Gewaltfreiheit. Eine Entfernung aus dem Gebäude mit Gewalt fiel damit aus.

Kirchenasyl heute

Eine zweite Chance

Kirchenasyl bedeutet nicht, dass jemand, der abgeschoben werden soll, vor den Behörden versteckt werden soll. Es ist nicht dazu da, um die Behörden so lange zu nerven, bis diese sagen: "Na, dann bleib halt da!"

Asylverfahren sind zeitaufwendig und kompliziert: Für die genaue Prüfung eines Antrages fehlt oft die Zeit. Und so können natürlich Fehler geschehen. Sind diese zum Nachteil der Betroffenen oder führen zu humanitären Problemen, muss die Möglichkeit bestehen die Situation nochmals zu bewerten.

Das kann z.B. der Fall sein, wenn Familien auseinander gerissen werden, oder gut integrierte Betroffene aufgrund von Formfehlern oder bürokratischen Feinheiten in ein anderes EU Land ausgewiesen werden.

Und genau hier kann das Kirchenasyl helfen: Ist derjenige erst ausgereist (ausgewiesen worden), ist es zu spät für eine zweite Prüfung. Und das vielleicht nur, weil eine Akte nicht komplett gelesen wurde.

Wenn ein zweites Asylverfahren Erfolg verspricht, gibt es eine Möglichkeit: Ist ein Flüchtling sechs Monate legal in einem Land (und Kirchenasyl gilt als legaler Aufenthalt), kann er in dem Land einen zweiten Asylantrag stellen.

Schlafen in der Kirche?

Es geht nicht um das "sakrale" Gebäude Kirche, sondern um Gebäude insgesamt, die der Kirchengemeinde gehören. Niemand muss auf einer Kirchenbank schlafen, wenn es z.B. ein großes Pfarrhaus gibt, das ehemals für eine Pfarrersfamilie mit einem Dutzend Kindern gebaut wurde, das heute aber nur von einer oder zwei Personen genutzt wird.

Kirchenasyl - der finanzieller Ruin?

Kann denn eine kleine Gemeinde so ein Asyl finanziell stemmen?

Ja, denn zum einen fallen gar nicht so viele Kosten an, zum anderen gibt es von vielen Seiten Unterstützung:
- So ist z.B. die medizinische Versorgung gesichert (und die Zeiten, wo ein Röntgenbild 10.000 DM gekostet hat, lange vorbei). Viele Ärzte helfen zusätzlich ehrenamtlich.
- Oft helfen Geschäfte oder Privatpersonen mit Spenden. Wenn sich dann noch ein paar Ehrenamtliche finden, die z.B. Fahrdienste übernehmen, lassen sich viele Probleme leicht lösen.
- Bei bürokratischen Problemen hat Pfarrer Prawitz Hilfe versprochen; damit beschäftigt er sich tagtäglich.

Probleme - ja, gibt es

Natürlich gibt es nicht nur positive Aspekte - sonst würde es ja jeder machen, es gibt auch Herausforderungen. Das fängt bei kulturellen Unterschieden wie der Mülltrennung an und endet damit, dass ein Kirchenasyl natürlich keine Garantie für ein Bleiberecht ist.

Kirchenasyl bedeutet für den Betroffenen, dass er sechs Monate das Gebiet der Kirchengemeinde nicht verlassen darf. Das mag sicher eine Verbesserung zum Aufenthalt in einem Kriegsgebiet sein, bleibt aber eine schwierige Situation: Einsamkeit, Ausgrenzung, Langeweile, das Bewältigen von traumatischen Erlebnissen, Sinnlosigkeit, Trennung von Familie und Heimat sind alles Punkte, die wichtig werden.
Daher kam die Empfehlung: Besser ist eine kleine WG mit 2-3 Personen oder eine Familie aufzunehmen.

Kultur und Spache mögen sich gravierend unterscheiden, allerdings sind sechs Monate auch eine gute Zeit von einander zu lernen.

Krankheiten sind schon im normalen Leben problematisch, während des Kirchenasyls wird das nicht einfacher. Doch auch hier gibt es genug Erfahrungswerte von anderen Gemeinden. So ist z.B. der Besuch im Krankenhaus möglich.

Und dann gibt es natürlich immer die Herausforderungen, die man nicht vorher sehen konnte, und für die dann kurzfristig eine Lösung gefunden werden muss.

Was müssen wir tun?

Was genau käme an Aufgaben auf uns zu?

Die wichtigste, und zugleich auch am schwierigsten zu bewältigende Aufgabe ist die Gemeinschaft mit den Betroffenen. Kommunikation, gemeinsam Zeit verbringen, voneinander lernen ist sowohl eine große Aufgabe wie auch eine große Chance. Es sollte regelmäßig jemand vorbei schauen, vielleicht wäre eine Art "Besuchsplan" sinnvoll. Feste Zeiten geben beiden Seiten Planungssicherheit.

Es spricht nichts dagegen, wenn z.B. die Konfis mal auf einen gemeinsamen Kaffee vorbei schauen. Es wäre toll, wenn sich jemand findet, der Sprach- oder Musikunterricht geben könnte.

Da die Betroffenen das Kirchengebiet nicht verlassen sollten, muss alles, was benötigt wird, gebracht werden. Meist reicht ein Fahrdienst, der ein, zwei Mal pro Woche einkaufen geht und die Sachen liefert.

Aber diese Aufgaben müssen nicht in der Hand einer einzigen Gemeinde liegen: Kelsterbach ist der glücklichen Situation, dass wir mehrere Gemeinden haben, viele Vereine und eine Institution wie das Kleeblatt.

Und warum wir?

Das ist doch keine Frage: Weil wir so die einmalige Chance haben zu helfen! Wir können das Leben eines Menschen besser machen! Und genau das ist doch unsere Aufgabe.

Aber es gibt weitere gute Gründe, hier z.B. ein paar Anregungen unseres Kirchenvorstandsvorsitzenden: Wir sind es den Anderen schuldig! Wir beuten den afrikanischen Kontinent aus, indem wir Materialien billig einkaufen, die für Handys nötig sind oder Obst und Gemüse importieren, das nicht in Europa wächst. Wir benutzen das Unwort "Wirtschaftsflüchtling" statt dem korrekten Begriff "Opfer", obwohl diese Menschen nicht vor der Wirtschaft, sondern vor dem Tod fliehen. Niemand verlässt "einfach so" ohne guten Grund seine Heimat, sondern leider nur zu oft aus dem gleichen Grund wie die Bremer Stadtmusikanten: "Etwas Besseres als den Tod findet man überall."
Ich bin ein Fremder gewesen und Ihr habt mich aufgenommen.

Matthäus 25,35


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