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Kleiner Kirchenführer für die St. Martinskirche zu Kelsterbach

Die St. Martinskirche wurde von 1819 - 1823 erbaut, nachdem die baufällige Vorgängerkirche 1817 niedergelegt worden war.
Vor Baubeginn hatte es eine Auseinandersetzung über die Bauherrenschaft gegeben.
Da die Gemeinde nicht über die notwendigen Mittel verfügte, wurde per Gerichtsbeschluss der Landesherr Großherzog Ludwig I. und die großherzogliche Finanzverwaltung zum Bauherrn bestimmt.
Der Entwurf zu der neuen Kirche stammte von dem Baumeister Georg Moller in Darmstadt, dessen Ideen über das Bauen in klassischem Stil weite Anerkennung gefunden hatte.
Die Ausführung der Kirche in Kelsterbach wurde dem Bauconductor Lautenschlaeger aus Darmstadt übertragen, einem Mitarbeiter des “Baubüros” Moller.
Laut den Unterlagen aus der Bauzeit waren es keine einheimischen, sondern Betriebe aus der Umgebung, die die Kirche bauten.
Der Grundstein wurde am 8. Mai 1819 gelegt und die Kirche in vierjähriger Bauzeit bei Gesamtkosten von 22.000 Gulden vollendet.
Die Einweihung fand am Martinstag, dem 11. November 1823 statt.
Von Anfang an hatte die Kirche eine Orgel, zunächst drei Glocken und eine Kirchturmuhr.

Ein paar Zahlen vorweg:

Die Ausrichtung ist durch die Führung der Untergasse bestimmt (etwa Ost/West).
* Länge: 26,75m Breite: 15,25m Höhe: 10,75m Höhe des Turms: 23,75m
* Die Spitze des Kreuzes ragt 28 Meter über Kelsterbach
(laut Aufmaß Fa. Treutel, Kelsterbach).
220 Sitzplätze im Kirchenschiff, dazu 180 auf den Emporen.
Höhe des Fußbodens über NN ca: 92 m, das ist etwa 10 Meter niedriger als der Main am Eisernen Steg in Frankfurt (vgl. Höhenmarke Schulstraße 12: 92,86 über NN).

Warum heiß sie “St. Martinskirche”?

Die Antwort auf diese Frage führt uns weit zurück in die Vergangenheit.
Bei der fränkisch-merowingischen Landnahme um 500 nach Christus wurde an der Kelstermündung ein königlicher Wirtschaftshof (eine “Wildhube”) am Rande des Reichsforsts Dreieich angelegt. Dazu wurde auch an gut sichtbarer Stelle zwischen Kelsterbach und Schwanheim eine Kapelle und spätere Kirche errichtet, die dem Heiligen Martin von Tours geweiht war, die Merzkirche.
Bei der Einführung der Reformation wurde das Kirchspiel aufgelöst: Schwanheim blieb katholisch und besaß mit der Mauritiuskirche ein eigenes Gotteshaus.
Kelsterbach wurde evangelisch und nahm den Namen der
‘Martins-’ > ’Mertens-’ > ’Merzkirche’
mit. Der Bezug auf diese Überlieferung zeigte sich bei der Einweihung der Kirche am Martinstag 1823.
Sie war danach als die “Kirche von Kelsterbach” bekannt, nach Bau der katholischen Herz-Jesu-Kirche dann als “Evangelische Kirche”.
Erst mit dem Bau einer weiteren evangelischen Kirche in Kelsterbach, der Christuskirche, bekam die Kirche im Unterdorf “offiziell” ihren Namen: Martinskirche, wobei der Name: ‘St. Martinskirche’ schon länger nachgewiesen ist. Die St. Martinskirche ist übrigens die einzige evangelische Kirche dieses Namens in der EKHN.

Die St. Martinskirche als “Mollerkirche”.

Georg Moller hatte sich 1810 als Architekt in Darmstadt niedergelassen. Seine Arbeiten hatten Gefallen gefunden und er war bei Hofe geschätzt. Von der im Rahmen seiner Ausbildung obligaten Italienreise hatte Moller die Idee mitgebracht, wie man heutzutage bauen sollte: nach klassischem Vorbild, mit Ebenmaß und Erhabenheit, dabei aber nüchtern und zweckbetont. Und dies wurde bei der Kirche in Kelsterbach verwirklicht.
Fassade
Die Westfassade der Kirche zeigt klassische Proportionen: Die flache Dachneigung von Kirche und Turm entspricht italienischen Vorbildern, das Tympanon (Giebeldreieck, auch auf der Rückseite der Kirche) und die Nischen für die Götterstatuen erinnern an römische Tempel.
Die Kirche ist außen und innen symmetrisch, die mittlere Tür führt ins Kirchenschiff, während die beiden Seitentüren zu den Treppenaufgängen zu den Emporen führen. Die Kapelle ist eine “Zutat” von 1958.
Die Kirche als sakrales Gebäude wird auf der Höhe der Dachtraufe von einem umlaufenden Zahnstab geschmückt, der sich im Kircheninneren wiederholt.
Der Turm steht mittig eingezogen im Baukörper, alles ist auf die Mittelachse, die “Mitte” hin konzentriert. Da der Turm ein “weltlicher” Bauteil ist, ist der Zahnstab dort unterbrochen.
Der Kirchenraum ist eine große, gegliederte Halle, streng nach vorn ausgerichtet.
Die Gliederung erfolgt durch 6 freistehende ionische Säulen und vier aus der Wand heraustretende Pfeiler (Lisenen), die das Dach und die beiderseitigen Emporen tragen. Bemerkenswert ist hier, dass die sechs Säulen vor die Emporenbrüstung treten und damit ein eigenständiges Gestaltungsmerkmal bilden; eher ungewöhnlich für Kirchen aus der Bauschule Moller, aber möglicherweise eine Hommage an Mollers Lehrmeister, Friedrich Weinbrenner aus Karlsruhe.
Die Fenster sind von Gewänden aus Sandstein eingefasst (mehr zu den Fenstern finden Sie hier ). Ein Sandsteinband verbindet die Fenster auf “Fußebene” und setzt sich um die ganze Kirche fort, wobei auf der Vorderseite die Rundbögen der Eingangstüren einbezogen werden, da diese Türen in den sakralen Raum führen.
Die Seitenfenster sind auf Höhe der Fußpunkte der Rundbögen mit einem weiteren Schmuckband verbunden. Dies wiederholt sich als deutendes Element auch an den Fenstern im Kirchturm. Damit wird der Klang der Glocken, die zum Gottesdienst rufen, in den “sakralen” Bereich mit einbezogen.
Interessanterweise sind Tür und Fenster an der Rückseite (Sakristei und Nebenraum) ohne Rundbögen. Man nimmt wahr: Es sind nur Nebenräume...
Sandsteinbänder, die die Fenster einfassen und miteinander verbinden, sind - zusammen mit den umlaufenden Zierbändern - ein von Moller oftmals angewandtes Stilelement.
Man sollte hier anmerken, dass Georg Moller für den Kirchbau des 19. Jahrhunderts stilprägend war. Die Stilelemente des ‘romantischen Klassizismus’, die Moller als erster verwendet hat, finden sich später auch an Kirchen wieder, an deren Bau er selbst oder seine Schüler nicht beteiligt waren.

Die Glocken

Glocke in der Gedenkkapelle
Im Turm hängt ein Geläut von sechs Glocken. Zwei Glocken wurde 1951 und drei weitere 1989 bei Rincker in Sinn gegossen. Die zweitschwerste Glocke (Gloriosa) ist über 500 Jahre alt und ist nach dem Krieg nach Kelsterbach gekommen. Die Glocken läuten gemeinsam den Sonntag ein (Sa 19.00 Uhr), in Zusammenklang mit dem sechsstimmigen Geläut der katholischen Herz-Jesu-Kirche am Main.
In der Kapelle am Eingang ist eine alte Glocke aus Kannenberg aufgestellt. Sie wurde nach dem Krieg der Gemeinde zur Verfügung gestellt und erklang bis zur Beschaffung des gegenwärtigen Geläuts.

Die Orgel

Die Orgel der Kirche wurde 1970 von der Firma Förster und Nikolaus aus Lich erbaut. Sie enthält 23 Register auf zwei Manualen und Pedal.
Von der Vorgängerorgel, gebaut 1823 von Hartmann Bernhard aus Romrod, sind der Prospekt und drei Register erhalten. Die Orgel entspricht dem neo-barocken Ideal des Orgelbaus seiner Zeit und gilt als ein besonders klangschönes Exemplar aus der Werkstatt von Förster und Nikolaus.

Das Kruzifix

Das Altarkreuz, die Kerzenleuchter und die Taufschale wurden im Rahmen der Renovierung 1956/58 von der Fa. Schönwandt aus Nordeck beschafft.

Die Paramente und Antependien an Altar und Kanzel stammen aus der Paramentenwerkstatt in Darmstadt.

Veränderungen im Kircheninneren

Seit 1912 hat die Kirche elektrisches Licht, seit der Renovierung 1958 gibt es anstelle der dicken Kirchenöfen eine Heizung. Das ursprüngliche strenge, weiß gestrichene und mit goldenen Zierlinien versehene Gestühl wurde 1958 durch die gegenwärtigen Bänke ersetzt.
Seit 1979 ist der Fußboden mit Sandsteinplatten belegt, Altar und Taufstein wurden erneuert und die Fenster von 1958 farblich angepasst.

Die heutigen Kirchenfenster wurden 1958 von der Kelsterbacher Künstlerin Marianne Scherer-Neufarth gestaltet. Sie zeigen, in strenger symbolischer Reduktion, die Feste des Kirchenjahres, dazu ein Tauf- und ein Abendmahlsfenster. Die Motive ‘Anfang’ und ‘Ende’ finden sich in den Fenstern auf Höhe des Treppenaufgangs.

Die auf der linken Seite der Turm-Eingangshalle befindliche Kapelle gehört nicht zu der ursprünglichen Ausstattung der Kirche. Sie wurde als eine Erinnerungskapelle für die im Krieg gefallenen und vermissten Kelsterbacher 1958 hergerichtet, zusammen mit einem Gedenkbuch, das die Namen der Betroffenen enthält.
Kelsterbach am Main war für viele Jahrhunderte ein Ort an der Grenze.
Zunächst Grenz- und Repräsentationsort der Büdingen-Isenburger Grafen gegenüber dem Erzstift Mainz (die “Wolfenburg”), dann das hessen-darmstädtische Dorf, an dem die Prominenz mit dem Marktschiff vorüberfuhr.
Und dann, nach den Napoleonischen Kriegen, der Neubau einer strahlend weißen (Moller-) Kirche mit klassischen Maßen, die über den Main in das neue Herzogtum Nassau hinüberschimmerte.
Ein “bürgerlicher Festsaal” zum Lobe Gottes und zur Erbauung der Gemeinde, hell und lichtdurchflutet, klassisch-streng und doch erhaben, schlicht und nüchtern und doch die Seele ansprechend.
Joachim W. Bremer, Pfr.i.R.

Oktober 2012


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