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Die Glocken von St. Martin

Kapitel 1: Die „Pommernglocke“

Das Geläute von St: Martin besteht aus sieben Glocken, sechs davon versehen ihren Dienst im Kirchturm, die älteste, ca. 1350 entstandene Glocke ist seit 22 Jahren in der Kapelle der Kirche aufgestellt. Wie kommt nun eine Glocke, die aus einer Zeit stammt, in der es in Kelsterbach noch gar keine Kirche gab hierher, und warum läutet sie nicht mit den anderen Glocken im Turm, obwohl sie von ihrem Schlagton her durchaus in das Geläute passen würde?
Die Geschichte unserer ältesten Glocke führt uns weit in die Vergangenheit, und weit nach Nordosten. Im Bauerndorf Kannenberg, unweit von Stargard, in der Nähe von Stettin in Pommern entstand Mitte des 14. Jahrhunderts eine kleine gotische Feldsteinkirche. An die Kirche angelehnt wurde ein hölzerner Turm, eher ein mit Holzlatten beschlagener erhöhter Glockenstuhl errichtet, eine in dieser Gegend durchaus übliche Lösung. Für diesen Turm ließen die Kannenberger zwei Glocken in der damals üblichen sogenannten Zuckerhutform gießen, Zuckerhut deshalb, weil diese Glocken seltsam hoch waren, und die starke Verjüngung des Glockenkörpers nach oben an einen Zuckerhut erinnert. Diese beiden Glocken läuteten in Kannenberg über 600 Jahre lang, bemerkenswert wenn man bedenkt, wie oft in Pommern Kriege geführt wurden, und wenn man weiter bedenkt, wie begehrt Glockenbronze als Gussmaterial für Kanonen war. Erst 1942 kam das Ende des Kannenberger Geläutes. Per Reichsgesetz wurden mit wenigen Ausnahmen alle Glocken in Deutschland erfasst und an einige zentrale Sammellager zu transportiert. Damals wurden in Deutschland ca. 120.000 Glocken abgehängt, auch jeweils mit Ausnahme der kleinsten Glocke die beiden Geläute in Kelsterbach, und eben auch die größere der beiden Glocken aus Kannenberg. Die meisten dieser Glocken wurden zerstört, die aus Kannenberg überstand den Krieg im Glockenlager Hamburg. Inzwischen war aber Pommern von Deutschland abgetrennt worden, eine Rückführung von Glocken in die nun polnischen und sowjetischen Gebiete war per Gesetz untersagt worden, und so wurden diese „Ostglocken“ Gemeinden zur Verfügung gestellt, die in beiden Kriegen ersatzlos ihre Glocken verloren hatten. Vorläufig allerdings offiziell nur als Leihglocken, hoffte man doch damals noch auf eine Rückgewinnung der deutschen Ostprovinzen. Als 1951 in St. Martin wieder ein Geläute angeschafft wurde, erhielt St. Martin die Kannenberger Glocke als Leihglocke, was aber bei der Planung des Geläutes keiner bedacht hatte stellte sich nun als großes Problem heraus. Beim Läuten mit den anderen, damals drei Glocken war die Pommernglocke fast nicht zu hören. Wie kam das? Die Zuckerhutglocken des 14. Jahrhunderts sind alle im Verhältnis zu ihrer Größe, die den Schlagton ergibt viel zu leicht, zu dünnwandig gegossen, weshalb sie recht leise sind. Das war damals kein Problem, da die Türme dieser Zeit mit Ausnahme der Türme von Domen und Abteien noch recht niedrig waren, auch die Gemeinden waren klein, Glocken mussten also nicht laut sein, ihr Klang musste nicht weit tragen. Als sich das änderte, entwickelte man neue Glockenformen, die kräftiger im Klang sind, Formen, die sich bis heute kaum geändert haben. Um nun im neuangeschafften Geläute die Pommernglocke hörbar zu machen verpasste man ihr einen viel zu schweren Klöppel, wodurch diese Glocke beim Läuten nicht angeschlagen sondern eher geprügelt wurde, sie wurde zwar lauter, aber sie sang nun nicht mehr, sie schrie und entsprechend krächzend war ihr Ton. Das ging so bis 1988, als St Martin das heutige Geläute bekam, die Pommernglocke hatte in den knapp 40 Jahren in Kelsterbach mehr Schaden genommen als in den 600 Jahren davor, und da Glocken aus dem 14 Jahrhundert inzwischen äußerst selten und daher kunsthistorisch kostbar sind, kehrte sie nach der Restaurierung nicht mehr auf den Turm zurück. Wie so viele Vertriebene aus dem alten deutschen Osten hat sie in Kelsterbach eine neue Heimat gefunden, und ist trotz ihres hohen Alters heute vor allem ein Denkmal der jüngeren deutschen Geschichte. Die Kannenberger Kirche hat den Krieg übrigens überstanden, die kleinere der beiden alten Glocken läutet dort bis zu heutigen Tag.
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