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Die Glocken von St. Martin

Kapitel 2: Die Gloriosa

Mortuos plago, vivos voco, fulgura frango, Gloriosa dicta – Tote geleite ich, Lebende rufe ich, Blitze breche ich, Gloriosa heiße ich. Diese Worte sind auf der zweitgrößten der sechs Glocken im Turm von St. Martin zu lesen. Eine Inschrift, wie man sie auf einer evangelischen Kirchenglocke nicht sehr oft finden wird. Verständlich wird diese Inschrift wenn man bedenkt, daß diese Glocke Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden ist, also rund 70 Jahre vor der Reformation. Somit beinhaltet das Geläute von St. Martin neben der, in der Kapelle unserer Kirche aufgestellten „Pommernglocke“ mit der Gloriosa eine weitere historische Kostbarkeit, die erst vor wenigen Jahrzehnten den Weg nach Kelsterbach genommen hat. Rund 100 Jahre jünger als die Pommernglocke liegen doch Welten zwischen diesen beiden Glocken. Die Pommernglocke war noch in der sogenannten Zuckerhutrippe gegossen worden, dünnwandig, etwas rau und heiser und nicht sehr weit tragend im Klang, außerdem sparsam in der Glockenzier. Mit der Gloriosa begegnet uns die sogenannte gotische Dreiklangrippe, wohlproportioniert, rund und tragend im Klang. Edel und reich in der Glockenzier verkörpert sie die bis heute gültige Idealform einer Glocke in vollkommener Vollendung. Selbstbewußt hat sich ihr Gießer, Jacobus von Fulda auf ihr verewigt. Da man in früheren Zeiten Glocken nur unter großen Problemen über weite Strecken transportieren konnte, wurden Glocken meist gleich vor dem Turm gegossen, in dem sie später läuten sollten, und in der Regel verpflichtete man Gießer aus der Nähe. Es darf also angenommen werden, daß diese Glocke von Anfang an irgendwo in unserer Region geläutet hat. Sicher nicht in einer Dorfkirche wie St. Martin es früher war, die Gloriosa ist mit einem Durchmesser von gut einem Meter und dreißig Zentimetern, sowie einem Gewicht von 1, 3 Tonnen eine auch im 15. Jahrhundert beeindruckende Gußleistung, die auch damals nicht billig gewesen sein wird. Sicher, es wurden damals auch bereits größere Glocken gegossen, aber die fand man nur sehr selten, und nur in den Türmen der großen Dome. Die Inschrift der Glocke verrät uns, daß die Gloriosa wahrscheinlich als die größte Glocke ihres ursprünglichen Geläutes gegossen wurde. Im späten Mittelalter, einer Zeit inniger Marienverehrung, nannte man die Grundglocke eines großen Geläutes gerne nach der Gottesmutter, der Ruhmreichen, oder eben auf lateinisch: Gloriosa. Die ersten Worte der Glockeninschrift: „Tote geleite ich, Lebende rufe ich“ sind auch uns heute verständlich, aber was ist gemeint mit: „Blitze breche ich?“ Die Menschen haben in früheren Jahrhunderten durchaus gemerkt, daß bei Gewittern der Blitz gerne in den Glockenturm einschlug, nur wieso er das tat, konnte man sich nicht erklären. Heute wissen wir, daß die große Metallmenge im Turm, also meist deutlich über den Dächern der umliegenden Häuser den Blitz anzieht. Früher, in Zeiten in denen man noch keine Blitzableiter kannte empfand man es als göttliches Wunder, daß der Blitz in die Glocken, und damit nicht in die Häuser einschlug, daher die Vorstellung, Glocken könnten Blitze „brechen“ Dieser Umstand ist übrigens ein wichtiger Grund, warum in den heißen und trockenen Ländern des Südens Glockentürme gern abseits der Kirchen, als freistehende Campanile gebaut wurden, bei Blitzeinschlag brannte nicht automatisch die Kirche mit ab. Wie kam nun die Gloriosa nach Kelsterbach? Wie auch bei der „Pommernglocke“ ist hier 1942 das Schicksalsjahr, als zur Sicherstellung der Metallreserven für die Kriegsführung überall Glocken enteignet, abgehängt und Verhüttungsbetrieben übergeben wurden. Glücklicherweise endete der Krieg, bevor alle 120000 abgelieferten Glocken zerstört worden waren. Da man den Gemeinden keine Hoffnung gemacht hatte, daß sie ihre Glocken wiederbekommen könnten, hatten viele eine eindeutige Kennzeichnung unterlassen, sodaß eine Rückführung oft nicht mehr möglich war. Außerdem hatte man die Glocken nach der Ablieferung nicht eben sorgsam behandelt, sodaß viele durch falsche Lagerung (oft wurden Glocken einfach ineinandergestapelt oder der transportierende Kran warf sie einfach aus großer Höhe ab) beschädigt wurden. Auch unsere Gloriosa verlor dadurch ihre Krone, an der sie während 500 Jahren befestigt gewesen war. Als im Zusammenhang der Geläutebeschaffung für St. Martin 1951 vom Landesdenkmalamt die Pommernglocke und die Gloriosa nach Kelsterbach gegeben wurden, verwendete man nicht viel Mühe auf die Restaurierung der Glocke. Man bohrte von oben vier Löcher in die Glocke und führte durch diese Stahlklammern um das neue Glockenjoch herum. Das funktionierte zwar, verdarb allerdings den Klang der Glocke gründlich. Als dann 1988 / 89 das heutige Geläut für St. Martin entstand, wurde für die Gloriosa in der Glockengießßerei Rincker, die auch unser neuen Glocken goss, eine in Form und Größe passende neue Krone gegossen, die dann zusammen mit der Gloriosa nach Nördlingen, zur Firma Lachenmeyer gebracht wurde, der einzigen Firma weltweit, die im Stande ist, Bronzeglocken zu schweißen. Dort wurde die die Gloriosa mit ihrer neuen Krone verbunden, sodaß sie heute wieder genauso schön klingt wie bereits vor 500 Jahren. Die Schönheit der oben beschriebenen Glockenzier kann man übrigens auch bewundern, ohne auf den Kirchturm zu steigen, bei der Restaurierung der Glocke wurden Bronzeabgüsse angefertigt, die heute in der Kapelle unserer Kirche aufgehängt sind. Obwohl die Gloriosa sehr klar und kräftig im Klang ist, tritt sie in unserem Geläute nicht besonders laut hervor, ihres hohen Alters wegen wird sie so schonend wie möglich geläutet. Dennoch ist sie immer dann zu hören, wenn sie dem besonderen Auftrag den ihre Inschrift verkündet entsprechend die Gemeinde ruft: „Tote beklage ich“, sie ist die tiefste der drei Glocken die zur Beerdigung eines Gemeindegliedes rufen, „Lebende rufe ich“. Sie ist die tiefste der 5 Glocken, die zu Taufgottesdiensten rufen, außerdem ist sie es, die immer 30 Minuten vor Beginn eines Gottesdienstes alleine das erste Läuten übernimmt. Im Zusammenläuten mit unseren fünf weiteren, deutlich jüngeren Glocken gibt ihr ruhiger, leicht rauchiger Ton dem Geläute von St. Martin seinen charakteristischen unverwechselbaren Klang. 1951 gerade mal als Notlösung empfunden, können wir uns heute glücklich schätzen, eine so kostbare Glocke in unserem Geläute zu haben.
Lesen Sie weiter unter: Die Glocken von 1951


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