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Die Glocken von St. Martin

Kapitel 3: Die Glocken von 1951

Glocken gibt es in Kelsterbach seit 450 Jahren. Bis zum Bau der Kath. Herz Jesu Kirche 1911 waren dies immer die Glocken der St. Martinskirche, kurzzeitig auch eine Glocke im Türmchen der Schule in der Schulstraße sowie die Glocken der EV. Schlosskapelle in der im 30 Jährigen Krieg untergegangenen Wolfenburg. Keine dieser Glocken hat allerdings bis in unsere Tage überdauert. Kriege und die Beschlagnahme von Glocken, allein zwei Mal im 20. Jahrhundert führten dazu, daß nach dem Ende des 2. Weltkriegs nur ein einziges kleines Glöckchen im Turm von St. Martin übriggeblieben war. Die nach dem ersten Weltkrieg neu angeschafften Glocken waren nach nur 18 Jahren 1942 bereits wieder beschlagnahmt worden. An ein neues Geläute war zunächst nicht zu denken, zu groß war die Nachkriegsnot, das Geld war wenig wert, und benötigte Rohstoffe (Kupfer und Zinn) waren nicht zu bekommen.
Erst 1950 schien der Wunsch nach einem neuen Geläute für den St. Martinsturm realisierbar. Eine Anfrage bei den zuständigen Behörden ergab, daß der Gemeinde, die in 2 Weltkriegen ihre Glocken ersatzlos verloren hatte 2 durch den Krieg heimatlos gewordene Glocken aus den Beständen der Glockenlager zur Verfügung gestellt werden konnten, die Gloriosa und die „Pommernglocke“ über die hier in früheren Ausgaben bereits berichtet wurde.
Was nun aber mit diesen Glocken anfangen? Beide Glocken hatten durch die unsachgemäße Lagerung während des Krieges schweren Schaden genommen, außerdem passten sie von ihrem jeweiligen Klangcharakter her überhaupt nicht zueinander, und noch weniger passten sie zu der noch im Turm vorhandenen Glocke. Die Gloriosa war zu laut für die beiden anderen Glocken, die kleine Glocke in St. Martin war eine Dur- die beiden anderen waren Moll Glocken. Die Schlagtöne passten nicht, und die beiden alten Glocken waren so stark beschädigt, daß die Überlegung aufkam, einfach alle drei einzuschmelzen und neue Glocken zu gießen. Auch die Anschaffung eines Geläutes aus Stahl wurde diskutiert. Stahlglocken reichen zwar bei Weitem nicht an den Klang von Bronzeglocken heran, aber sie waren damals billiger zu bekommen, außerdem waren sie während zweier Kriege nicht abgeholt worden, und das war damals ein nicht zu unterschätzendes Argument. Glücklicherweise reichte aber das Geld weder für einen kompletten Neuguss noch für ein Stahlgeläute. So reifte schließlich der Entschluss heran, die beiden zur Verfügung gestellten Glocken irgendwie provisorisch läutbar zu machen, was gar nicht so einfach war, die eine hatte ihre Krone verloren, konnte also nicht richtig aufgehängt werden, die andere hatte ihre Klöppelhalterung eingebüßt. Mit diesen beiden Glocken, stand das Fundament des neuen Geläutes. Allerdings passte die kleine Glocke, die im Turm alle Wirren der Zeiten überstanden hatte, und die als einzige noch aus der Erbauungszeit der Kirche übriggeblieben war , mit diesen Glocken so wenig zusammen, daß als einziger Ausweg blieb, sie zu entfernen. Heute würden wir eine solche Glocke aus denkmalhistorischen Gründen aufbewahren und sie in der Kirche oder im Museum aufstellen, aber die Zeiten waren damals anders, das Wenige, das die Zerstörung des Krieges überdauert hatte galt als alt im Sinne von unmodern, und eine Glocke „irgendwo abzustellen“ kam nicht in Frage, dafür war das Geld zu knapp, und der Metallwert der Glocke zu groß. Daher wurde die alte, von der Frankfurter Giesserei Bartels und Mappes 1823 für die neuerbaute St. Martinskirche gegossene Glocke bei der oberhessischen Glockengiesserei Rincker zum Materialwert in Zahlung gegeben, als die Gemeinde bei dieser Giesserei 2 neue Glocken bestellte, die mit der Gloriosa und der Pommernglocke das neue Geläute von St. Martin bilden sollten
Die beiden alten Glocken hatten die Schlagtöne es´ und as´ und die beiden neuen Glocken wurden in den Tönen b´und c´´ gegossen. Von oben nach unten angeschlagen ergeben diese Töne den sogenannten Westminsterschlag, benannt nach dem Motiv des Viertelstundenschlages der Turmuhr des britischen Parlaments.
Die kleinere der beiden Glocken ist dem Gebet geweiht. Aufgegossen ist ihr das Bekenntnis aus dem Vaterunser: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“. Sie hat einen Durchmesser 78 cm. und wiegt 280 Kilogramm.
Die größere Glocke ist den Toten der Gemeinde gewidmet. Ihr ist die Verheissung aus der Offenbarung: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben“ aufgegossen. Sie wiegt 365 Kilogramm, und hat einen Durchmesser von 87 cm.
Das nun vierstimmig gewordenen Geläute, das mit ca. 2400 Kilogramm bis dahin schwerste in Kelsterbach war an Weihnachten 1951 zum ersten Mal zu hören.
Die Gemeinde war glücklich, wieder ein vollständiges Geläute zu besitzen, aber seinen Klang hat sie nie so recht zu schätzen gelernt.
Die Glocken taten das, was von Glocken erwartet wird, sie läuteten zuverlässig zu allen kirchlichen Anlässen, aber die Grundproblematik nicht zueinanderpassender Glocken konnte durch die vorgenommenen Kompromisse nur unzureichend gelöst werden.
Die alte Pommernglocke ging im Gesamtgeläute neben der sehr klangstarken Gloriosa und neben den neuen Glocken völlig unter. Da man nicht mitten in der Tonfolge ein Loch haben wollte, erhielt diese Glocke einen viel zu schweren Klöppel, sie wurde beim Läuten richtiggehend geprügelt, und das hörte man auch. Der Gloriosa hörte man ihre fehlende Krone und die dadurch bedingt mangelhafte Aufhängung an, kurz, im Lauf der Jahre empfanden die Kelsterbacher das was 1951 als damals bestmöglicher Kompromiss begrüßt worden war als zunehmend misstönend und störend.
Und so sollte das Geläute von 1951 für die beiden damals neugegossenen Glocken nur ein Provisorium werden, ein Provisorium allerdings, das 38 Jahre Bestand haben würde.
Lesen Sie weiter unter: Das Geläute von 1989


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