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Unser Krippenspiel

Bei uns ist es Tradition, dass das Krippenspiel an Heiligabend von den Konfirmandinnen und Konfirmanden aufgeführt wird. Was für dien Konfis anfangs immer etwas befremdlich wirkt, erweisst sich aber immer schnell als großer Spaß und ein Gewinn für die Gruppe.

Ob es sich dabei um ein traditionelle Krippenspiel mit Wirt, Ochse und Esel handelt oder eine moderne Interpretation als Diashow, mit Bezügen zur Situation von Flüchtlingen oder zum Umweltschutz, wir versuchen Sie jedes Jahr mit einem selbst entwickelten Krippenspiel zu überraschen.

Krippenspiel 2019 zum Thema "Umweltschutz"


Krippenspiel 2018 zum Thema "Flüchtlinge"

Maria aus Aleppo oder wie politisch darf ein Krippenspiel sein?

Krippe, Maria, Josef, eine Puppe als Jesuskind und ein Mädchen mit lange blonden Locken im weißen Gewand – so wird in vielen Gemeinden seit jeher das Krippenspiel inszeniert.

Aber darf Maria auch hochschwanger und völlig erschöpft mit ihren gesamten Habseligkeiten in zwei Plastiktaschen als Flüchtlingsfrau in Kelsterbach ankommen? Darf sie dann noch berichten, dass sie die gesamte Familie bei Bombenangriffen auf ihre Heimatstadt Aleppo verloren hat und ihr Mann Josef bei der Überquerung des Mittelmeers ertrunken ist?

Ist das nicht zu viel Politik und Gewalt – gerade an Weihnachten und in einem Gottesdienst, der auch von jüngeren Kindern besucht wird? Sollte ein Krippenspiel nicht eher traditionell sein? Was hat Kirche mit Politik zu tun? Das waren durchaus verständliche Reaktionen der Konfirmandinnen, die wie in St. Martin üblich für die Aufführung zuständig waren, und ihrer Eltern auf den ersten Entwurf des diesjährigen Krippenspiels.

Aber wie weit ist diese moderne Interpretation des Krippenspiels wirklich von der Weihnachtsgeschichte der Evangelisten entfernt?

Die Lesung, die wir üblicherweise mit Weihnachten verbinden „Es begab sich aber zu der Zeit...“, entstammt dem Evangelium nach Lukas (Lk 2, 1-20). Nach der bekannten Geburtsgeschichte beschreibt Lukas noch die Beschneidung, danach geht die junge Familie nach Jerusalem und dann lesen wir erst wieder von Jesus, als er im Alter von zwölf Jahren im Tempel in Jerusalem den Rabbinern zuhört (Lk 2, 21-52).

Ganz anders wird die Geburtsgeschichte von dem Evangelisten Matthäus berichtet. Hier reduziert sich die eigentliche Geburt auf nur einen Satz: „Und er [Josef] erkannte sie [Maria] nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.
(Mt 2, 25). Danach kommt aber die Passage, die zum Kern des diesjährigen Krippenspiels wurde: Maria und Josef flüchten mit dem neugeborenen Jesus nach Ägypten, um dem Terror des Herodes zu entfliehen. Dieser ließ aus Angst vor der prophezeiten Geburt des „Königs der Juden“ in Bethlehem und Umgebung alle Knaben töten, die jünger als zwei Jahre waren (Mt 2, 13-18).

Hier wird mit einem Schlag klar, wie politisch und auch brutal die Geschichte der Geburt Christi ist. Der römische König lässt willkürlich Kinder töten, aus Angst seine Macht zu verlieren. Maria und Josef sind besorgt um das Leben ihres Sohnes und nehmen so den beschwerlichen und gefährlichen Weg nach Ägypten auf sich, wo sie in Ruhe und Sicherheit abwarten können, bis sich die Situation in ihrer Heimat wieder beruhigt hat. Aber auch nach Herodes Tod können sie aus Angst vor dessem Nachfolger nicht zurückkehren, so dass sie nach Nazareth in Galiläa ziehen müssen. Also ist die Geschichte des jungen Jesus sogar eine doppelte Flüchtlingsgeschichte.

So erlauben uns die Darstellungen der beiden Evangelisten eine an Lukas angelehnte traditionelle Inszenierung ebenso wie eine politische Auslegung, basierend auf den Erzählungen des Matthäus.

Ausgehend von den ersten kritischen Reaktionen haben die Konfirmandinnen die Frage, wie politisch ein Krippenspiel sein darf, diskutiert. Am Ende befürworteten alle den Ansatz, allerdings wurde die Handlung etwas abgeschwächt. In der finalen Fassung des Krippenspiels berichtete Maria nicht mehr vom Tod ihrer Familie und Josef musste in Aleppo bleiben, um seine kranke Mutter zu pflegen.

Wie Jesus, Maria und Josef in Ägypten und später in Galiläa aufgenommen wurde, wird bei Matthäus nicht weiter beschrieben. In unserem Krippenspiel wurde Maria (dargestellt durch Milla Kempf) am Ende ihrer Flucht durch Frau Gabriel und Frau Martin (gespielt von Franka und Marie Rösel) in Kelsterbach versorgt und beherbergt. Durch die Geschichte führte die Nachrichtensprecherin Leni Wiegand unterstützt durch die Reporterin Frau Lukas (gespielt von Pauline Fischer).

In seiner Kurzpredigt verdeutlichte Pfr. Dennebaum die Parallelen der Weihnachtsgeschichte und der Schicksale der heutigen Flüchtlinge und erinnerte an die Verantwortung der Christen, sich zu engagieren und Bedürftigen zu helfen. Abschließend kam auch Frau Becker als Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Kelsterbach – und damit Vorlage der Frau Gabriel im Krippenspiel – zu Wort. Sie berichtete von ihrer täglichen Arbeit mit den Flüchtlingen und welche Rolle ihr Glaube dabei spielt. Sie bedankte sich explizit bei den Konfirmandinnen für deren mitreißendes Spiel und ihren Mut, ein so brisantes Thema aufzugreifen.

Als eine Folge der gesamten Diskussion um das Krippenspiel nahm der Kirchenvorstand das Thema „Kirchenasyl“ auf. Ende Januar 2019 fand dazu ein Gottesdienst mit Kirchencafé statt.